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Stadtrandnacht
Erzählung

Neuausgabe der Erzählung »Satellitenstadt« (1988)

Erzählung für Jugendliche und Erwachsene

Rezension

»1001 Buch«

Ein Autounfall, bei dem ein Mensch ums Leben kommt, ist Kristallisationspunkt in diesem Roman, um den herum Perspektiven und Lebensweisen verschiedener Bewohner einer Stadtrandsiedlung in vier Abteilungen (Mittwoch bis Samstag) beschrieben werden. Es bleibt kein Geheimnis, wer für den Autounfall verantwortlich ist: Die Jugendlichen Ina, Angie, Kurt, Tom und Martin haben unter Micks Führung die Warnblinkanlage einer Baugrube abmontiert und auf dem Kirchendach aufgestellt. Ein Pkw-Lenker stürzt daraufhin mit dem Auto in die Baugrube und stirbt. Hätte Pater Leo, der die Lichter zufällig am Dach entdeckt hat, schneller kombinieren und reagieren müssen? Die Schriftstellerin Martha Weninger wird bei einem ihrer nächtlichen Spaziergänge Augenzeugin des Unfalls und erinnert sich unweigerlich an Kriegsnächte. Fred, ein junger Supermarktverkäufer, kommt nur indirekt mit dem Unfall in Berührung: Er liest davon in der Zeitung; sein großes Interesse ist, endlich eine Freundin zu haben. Als es zu einer Annäherung zwischen ihm und Ina kommt, hat er den Kopf nicht frei, ihr Geständnis anzuhören und zu begreifen. – Wie es in so einer Siedlung nun mal ist, laufen sich die einzelnen Figuren zwar immer wieder über den Weg, aber ein Wir entsteht dadurch noch lange nicht. Die einzelnen Perspektiven bleiben nebeneinander stehen, gemeinsam ist den Protagonisten vor allem die Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Leseprobe

Mick hatte Angst. Stundenlang saß er in seinem Ledersessel und jagte sich Musik in die Ohren. Die Kopfhörer aufgesetzt, sah er aus wie ein Pilot, der trotz aller Anstrengung nicht vom Fleck kam, von den dauernden kleinen Rucken des Drehsessels abgesehen.

Das Zimmer roch nach kalter Pfeifenasche. Seit Ina am Nachmittag da gewesen war, hatte er die Freude am Rauchen mit einem Mal verloren. Die Pfeife lag auf dem Tisch neben einem Motorradmagazin, aus dem schräg liegenden Pfeifenkopf waren Tabakkrümel auf das Tischtuch gebröselt. Mick drehte sich, ohne aufzustehen, zum Tisch hin, griff nach der Zeitschrift und begann darin zu blättern. Er betrachtete die Fotografien der schweren Maschinen, poliertes chromblitzendes Metall, beruhigend dicke, gut auf der Straße liegende Reifen, Tanks, in denen Freiheit steckte. Geschwindigkeit, die die Straßen aufrollte wie ein Dosenöffner eine Blechbüchse; die Entfernungen vernichtete. Mick sparte auf eine Honda, in seinen Träumen besaß er sie schon.

Honda.
Suzuki.
Yamaha.
Und er ein lächerlicher Musikpilot, der nicht vom Fleck kam!

Mick stand auf, riss die Kopfhörer herunter und warf sie aufs Bett. Er ging im Zimmer auf und ab, hektisch, als müsse er in diesem Augenblick einen Entschluss fassen, den er nicht aufschieben konnte. Er stand dann am Fenster und sah den Volvo des Vaters unten an der Straßenecke. Die Eltern waren mit dem Bus in die Stadt gefahren, sie wollten ins Theater und fürchteten, im Zentrum keinen Parkplatz zu finden.

Der Autoschlüssel hing am Schlüsselbrett. Als Mick das Haus verließ, dämmerte es, von der sinkenden Sonne angestrahlte Wolken standen rot am Himmel; Ansichtskartenkitsch, dachte Mick. Bald würde die Sonne verschwunden, der Abend dunkler sein, er war entschlossen, das Risiko auf sich zu nehmen – Freitagabend, kein Führerschein, er musste es auf sich nehmen, wegkommen von hier, zumindest eine Zeit lang aus der Siedlung fort, Autobahn, schnurgerade, Tempo, er musste jetzt fahren, denn sonst, so schien es ihm, würde er festwachsen in seinem Zimmer, kleben bleiben an seiner Angst wie an einem giftigen Leim, der sich nach und nach durch seinen Körper fraß.

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